Anthropozän

„Vielleicht werden ja irgendwann künstliche Radiowellen geschaffen, damit der elektromagnetische Frequenzraum wieder demokratisiert wird.“  (Hildi Tropeng in RADIO WARS, 2034)

author's note

Ich war nie wirklich interessiert an Visionen einer sehr entfernten Zukunft; mein Körper würde sich zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Muschelwesen in irgendeiner Erdschicht zu einer kompostartigen Masse vermischt haben, mehr könnte ich dazu nicht sagen. Diese Zukunft ist für mich zu unpersönlich. Eher bin ich an der näheren Zukunft interessiert, auch weil sie für ihre ‚originalgetreue‘ Abbildung von der Gegenwart abkupfert und für diese deshalb wichtig wird. Kommunikationsformen und dazugehörige Technologien ändern sich - auch aufgrund von politischen Entscheidungen, und Netzneutralität ist nicht selbstverständlich! Das weiß ich... heute! Mein Hörspiel RADIO WARS spielt daher ‚bereits‘ in 20 Jahren, im Jahre 2034. Der Plot meines Hörspiels ergab sich aus der Lektüre eines alten Schinkens, den ich zufällig in der Bibliothek fand: In seiner Dissertation Piratensender auf See (1968) beschreibt der Kölner Rechtswissenschaftler Michael Haucke die Bedingungen peripherer Rundfunksender auf künstlichen Inseln im offenen Meer.
„Im Äther herrscht Raumnot“, so illustriert Haucke den Kampf der Radiosender um den elektromagnetischen Raum. Bis heute bringt der Begriff des Äthers - aufgrund seiner esoterisch-naturwissenschaftlichen Verbändelung - so manchen Kultur- und Medienwissenschaftler auf die belustigte Palme. Doch erschloss sich aus Hauckes kurzer Äther-Theorie für mich in Bezug auf das Anthropozän eine inspirierende Zukunftsvision, die ich folgendermaßen umriss: Analoge Radiofrequenzen gelten im Anthropozän als natürliche und unsterbliche Ressource, die ökonomisch nutzbar gemacht wird. Der elektromagnetische Raum wird zum umkämpften Raum. Das Anthropozän bestimmt die elektromagnetischen Technologien und damit auch den akustischen Kommunikationsraum. Der elektromagnetische Raum wird zu einer wirtschaftlich gefragten Ressource. Die Verteilung von Frequenzen unterliegt rein ökonomischen Entscheidungen, mit denen auch drastische Veränderungen der hörbaren ästhetischen Sphäre verbunden sind.



„Du bist kein guter Künstler, wenn Du die Technik nicht beherrschst.“   (Hildi Tropeng in RADIO WARS, 2034)


RADIO WARS ist außerdem angeregt von Alvin Lucier, der in seiner Performance Sferics das Konzept von „nature radio“ darlegte. Ähnlich wie diese Performance, die von dem Soundkünstler neben aller künstlerischer Kreativität vor allem technische Fertigkeiten erforderte, benötigen auch die Radiomacher des analogen Senders Coconut Radio im Hörspiel RADIO WARS spezifisches Ingenieurswissen. Doch sowohl Lucier als Hildi und Gregor drohen aufgrund ihrer vielmehr künstlerischen Interessen an den naturwissenschaftlichen Herausforderungen zu scheitern. Künstlerischer Ausdruck sowie analoges Radio funktionieren 2034 nicht mehr ohne detailliertes Ingenieurswissen. Am Beispiel des analogen Hörfunk erkundet das Hörspiel RADIO WARS die Konflikte freier Radiokulturen im schrumpfenden Äther. In der Forderung nach freien Sendeplätzen sowie Brechts zeitlosem Appell an ein demokratisierendes Medium geht es also auch um den Kampf um hörbare Ästhetiken eines analogen Zukunftsradios. RADIO WARS spiegelt dadurch sicher auch die gegenwärtigen Bedingungen freier Radiosender sowie die Motivation und Weltanschauungen deren Akteure wider. Im Kontext von gegenwärtigen Occupy-Bewegungen und Prozessen urbaner Raumaneignung erscheint die überspitzte Zukunftsvision über den elektromagnetischen Raum nur naheliegend und regt zu originellen Ideen bezüglich der Erschließung jeglicher menschlicher Teilräume an.

Christina M. Heinen im Spätsommer 2014